Didaktik-Labor, Helmut M. Selzer
 
 

Werkhaus in Bieswang
Notizen zur Geschichte des Werkhauses

Die Konzeption eines privaten Kultur- und Bildungshauses für Erwachsene ist seit 1976 angedacht. Mit dem Kauf einer ehemaligen Hofstelle in Bieswang begann 1984 die konkrete Umsetzung der Ideen; Architekturplanung, Umbau der Scheune in ein kleines Tagungshaus, Präsentation des ersten Bauabschnittes erfolgten bis 1986.

Das Werkhaus in Bieswang sollte nach dem Verständnis seines Gründers als 'didaktisches Labor' dienen zur Entwicklung und Erprobung von erwachsenendidaktischen Konzepten in den Anwendungsbereichen Handwerk, Technologie und Gestaltung.

Das Werkhaus übernimmt etwa ab 1987 die Modellfunktion eines dörflichen Kulturhauses; es wird finanziert mit eigenen Einnahmen, mit privaten Mitteln und aus Spenden. Von 1990 bis 1994 ist es zugleich Veranstaltungsort für zwei Programmreihen mit den Zielvorgaben Bildung und Kultur in der Region und Impulse für die Pflege (Fachfortbildung für Pflegekräfte); ferner steht es in diesen Jahren als Tagungshaus für Anbieter mit eigenem Programm zur Verfügung.
Ende dieser Nutzungsphase des Werkhauses ist 1996.

Die folgenden Notizen sind weder vollständig noch betreffen sie gleichgewichtige Sachverhalte und Prozesse. Sie markieren allenfalls einige Stationen der Entwicklung und Veränderung.

 


Projekte mit regionalem Bezug

Eine Bildungs- und Kultur-Einrichtung in einer ländlichen Region zu installieren, war eine Herausforderung der späten 1980er Jahre. Folgerichtig arbeitete das Didaktik-Labor seit 1987 daran, anspruchsvolle Kulturarbeit im Dorf experimentell zu entwickeln und didaktisch dokumentiert der Öffentlichkeit wieder verfügbar zu machen. Einige hier aufgeführte Beispiele aus den aktiven sieben Jahren belegen die Strategie und die teilweisen Erfolge.
Zeit: 1987 bis 1994.


Ein Brunnen für Bieswang

Erfolgreiche Teilnahme am bundesweiten Wettbewerb, der vom Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft (Bonn) zum Thema 'Künstler in der Senioren-Kulturarbeit' ausgeschrieben und vom Institut für Bildung und Kultur (Remscheid) ausgerichtet worden war. Die Projektidee des Didaktik-Labors: Handwerker-Senioren demonstrieren frühere Handwerkstechnologien, die heute - außer in Technologiemuseen oder im restaurierenden Handwerk - nicht mehr angewandt werden; sie planen und fertigen währenddessen eine Rekonstruktion eines im 19. Jahrhundert in der Gegend üblichen Zisternenbrunnens mit großem Gestänge.
Eingeladene Künstler begleiten die auf eine Woche konzentrierte Aktion und setzen ihre gewonnenen Impressionen um. Erstellung eines Dokumentarfilms durch eine Gruppe junger Journalisten.
Der Brunnen gehört nun zum öffentlichen Raum des Dorfes. Es liegen Publikationen vor. So entstand ein in der Region anerkanntes Beispiel für die Sicherung und Dokumentation historischer Spuren.
Zeit: 1988 bis 1990.


Ein Archiv in Bieswang

Das umfangreiche fotodokumentarische Material, einmal aus der Bevölkerung anläßlich der Erhebungsarbeit zu den Dorfwochen zusammengetragen, zum andern von Fotografen aus Bieswang zu aktuellen Anlässen neu produziert, erforderte eine solide und zukunftsfeste Archivierung.

Die ehemalige dörfliche Gemeindekanzlei - 1978 mit der Gebietsreform teilweise funktionslos geworden - hat in den 1990er Jahren durch die großartige Archivierungs- und Dokumentationsarbeit des einstigen Gemeindesekretärs Ernst Leykamm eine neue Funktion und mit der neuen Nutzung die verdiente Aufwertung erfahren. Hier ist nun in einer kleinen Außenstelle des Archivs der Stadt Pappenheim alter Akten- und Schriftgut-Bestand aus der einst selbständigen Gemeinde Bieswang mustergültig aufbewahrt.
Und in diesem Archiv hat das fotodokumentarische Material des Arbeitskreises Bieswang eine sichere Bleibe gefunden.

 


Bieswanger Dorfwochen

Initiative für den Aufbau eines Kultur-Arbeitskreises im Dorf: Begleitung des Weges von der ermutigenden Anleitung bis hin zur zunehmenden Verselbständigung einer Gruppe geschichtlich und volkskundlich interessierter Laienforscher. Gegenstand der Aktivitäten ist eine historisch, soziologisch und ethnologisch angelegte Dokumentationsarbeit über das eigene Dorf in Bild, Text und Sprachaufzeichnungen; Durchführung von jährlichen Kulturwochen; Realisation thematisch gebundener Fotoausstellungen.
Für vier Wochen jeweils im Frühsommer war das Werkhaus Dorftreff: Hier wird Dorfgeschichte wiederentdeckt, werden Speisen aus früherer Küche verkostet, werden Trachten vorgeführt und alte Geschichten erzählt. Hier singt der Bieswanger Viergesang, der Männergesangverein, hier tritt der Posaunenchor auf.
Neben Anerkennungen in den Medien erhielt die Gruppe den bayerischen Heimatpreis 1993 im Landkreis Weißenburg Gunzenhausen. Publikationen liegen vor.
Zeit: 1987 bis 1993.


Landwirtschaft im Umbruch

Fotografische Bestandsaufnahme der Landwirtschaft des Dorfes; agrarsoziologische Erhebung über den Zustand der Landwirtschaft Ende 1992; Vortrags- und Diskussionsreihe mit 45 Experten aus Landwirtschaft, Vermarktung, Hochschule, Agrarpolitik und Agrar-Verwaltung. Lebhaftes regionales und überregionales Echo.
Das umfangreiche Dokumentarmaterial ist bisher nicht ausgewertet.
Zeit: 1992 bis 1993.

 


Bildung & Kultur

Das Werkhaus, ein Kulturhaus im Dorf.
* Vielleicht seine wichtigste Aufgabe sah das Konzept des Werkhauses in der kulturellen Förderung von Menschen im dritten Lebensdrittel. Als Senioren-Kulturarbeit verstanden sich diverse Initiativen und sporadische Angebote seit 1988.
* Die Vermittlung von Fertigkeiten in handwerklichen und technischen Verfahren - sowohl der Vergangenheit wie der Gegenwart - wurde als Teil von Kulturarbeit angestrebt. Dazu gehörte etwa, einfache Fertigkeiten in verdrängten Handwerkstechnologien zu erhalten bzw. erneuern zu helfen.
* Zwei Programmreihen liefen über mehrere Jahre: Bildung und Kultur in der Region und
* Impulse für die Pflege, Fachfortbildung für Pflegekräfte.
* Ferner stand das Werkhaus als Tagungshaus für Anbieter mit eigenem Programm zur Verfügung.
Zeit: 1987 bis 1996.


Werkarbeit, Technologie und Gestaltung

Werkstätten und fachkundige Anleiter für traditionelle Handarbeit (im Sinne kultureller Kompensation) als Hobby für Menschen im dritten Lebensdrittel anzubieten, war ein Anliegen des Initiators.
Das Werkhaus in Bieswang war konzipiert als Bildungseinrichtung andragogischer Zielrichtung mit handwerklich-technologischen und mit gestalterischen Schwerpunkten; es war gedacht als ein polytechnisches Bildungshaus in privater Trägerschaft.
Dort wurde polytechnische Erwachsenenbildung auf mehreren Ebenen angeboten,
* als 'Akademie für ältere Menschen' zur Erweiterung und Bestätigung ihrer Handfertigkeiten in handwerklichen und künstlerischen Techniken (diese Sparte kam allerdings nie zum Erfolg);
* zur Fort- und Weiterbildung für Angehörige pädagogischer Berufe;
* als Experimentierort für Handwerker, Ingenieure und kompetente Laien zur Erprobung und Demonstration sog. kleiner (= angepaßter, ressourcenschonender) Technologie (auch dieser Zweig blieb im Ansatz stecken).

Es stellte sich bald heraus, daß ein gutes Angebot allein nicht genug Kunden anzieht. Es wird - von älteren Gästen allemal - vor allem eine gut entwickelte Fremdenverkehrs-Infrastruktur erwartet. Diese konnte nur bedingt zufriedenstellend im erreichbaren Umfeld angeboten werden.
Zeit: 1986 bis 1991.

 


Beendet
wurde die Kulturarbeit-Phase des Werkhauses in Bieswang aus drei Gründen:
* Die finanziellen Anforderungen an den Eigentümer und Betreiber des Hauses stiegen mit der Qualität der geleisteten Arbeit. Allerdings blieben die Erträge für das Werkhaus auf einem niederen Niveau. Eine ausgeglichene Werkhaus-Finanzierung war auf Dauer bei der gegenüber den 1980er Jahren veränderten Lage in der BRD nicht zu erwarten.
* Der kleine aber höchst engagierte Kreis von Bieswanger Frauen und Männern, der die Hauptlast der Arbeit für die Bieswanger Dorfwochen getragen hatte, war nach sieben Jahren etwas erschöpft. Eine Auszeit tat not.
* Das Didaktik-Labor Selzer übernahm neue wissenschaftliche Arbeiten in F&E; die Tatkraft des 'Mentors und ungekürten Leiters' des Bieswanger Arbeitskreises wurde von anderen Aufgaben abgezogen.
Fazit: Nach anstrengenden aber kulturell erfolgreichen Jahren wurde der öffentliche Kulturbetrieb im Werkhaus 1996 eingestelllt.


Der Kulturkreis Bieswang

Seit 1996 hat sich der Kulturkreis neu organisiert. Unter der Leitung von Frau Rosemarie Haarnagell führen nun sechs Bieswangerinnen und Bieswanger eine thematisch veränderte Kulturarbeit im Dorf weiter. Dazu gehört vor allem die Pflege des umfangreichen Fotoarchivs und die Organisation von Ausstellungen zu dorfrelevanten Jubiläen.

Auch der Neubau eines Gemeindehauses der evangelischen Kirchengemeinde und ein dort stetig erweitertes Angebot lassen die Bieswanger Bürger/innen den Wegfall des Werkhaus-Angebotes verschmerzen.