Didaktik-Labor, Helmut M. Selzer
 
 
Das Lernen lernen, Teil 4.1

Mein Lernen organisieren



Erinnern wir vorab daran, daß es zwei verschiedene Formen des Lernens gibt. Unterschieden wird das Leben-begleitende Lernen (es wird auch beiläufiges Lernen genannt) und das gezielte Lernen (das sog. absichtliche Lernen).

Leben-begleitendes Lernen ist ein Leben-langes Lernen. Es bewirkt, daß wir beobachten, Erfahrungen sammeln, Einsichten gewinnen, Zusammenhänge erkennen, Ursachen und Wirkungen in Beziehung setzen können, und all die anderen nötigen geistigen Tätigkeiten (bisweilen auch unbewußt) vollbringen. So verschaffen wir uns Erkenntnisse, eignen uns Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten an, speichern diese im Gehirn, und können sie bei Bedarf wieder einsetzen. Anlässe solcher Art zu lernen gibt uns das Leben vor. Im Alltag stehen wir ungezählten Herausforderungen gegenüber. Wir meistern sie (gut oder schlechter), wir speichern die gemachten Erfahrungen ab, und haben so wieder 'etwas dazu gelernt', worauf wir gelegentlich zurück greifen werden.
Zwei Beispiele dafür :: Du hast beobachtet, wie ein bestimmter Wind im Herbst das Laub in einigen Nischen der Straße und in Haus-Winkeln ablegt; du erkennst daran den Ost-Wind. :: Du willst dein Mobil-Fon-Gerät (aus einem bestimmten Anlaß) mit einer Signal-Umleitung programmieren; vorher studierst du das Handbuch und lernst dabei aus einem aktuellen Bedürfnis; nach erfolgreicher Programmierung läutet es auf dem Festnetz-Telefon.

Mit dem Begriff 'gezieltes Lernen' verbinden wir zumeist das schulische Lernen. Das bedeutet, sich auf Vorrat Wissen, Kenntnisse, Fertigkeiten aneignen, diese einüben und sich einprägen. Es betrifft dies Sachverhalte, Regeln, Verfahren, Kompetenzen, welche in der Gesellschaft als generell bedeutsam eingestuft worden sind, welche als Teile einer allgemeinen Grundbildung angesehen werden. Darum wurden sie (von den zuständigen Organen) zum 'verbindlichen Lehrstoff' für Schulen, Lehrgänge etc. erklärt. In der beruflichen Ausbildung und in Fachschulen, Hochschulen wird spezialisiertes Wissen als 'Lehrstoff' unterwiesen.
Zwei Beispiele dafür :: Du erfährst in der Schule die Regel für die Dreisatz-Berechnung; du übst diese Methode und kannst sie künftig auf unterschiedliche Fälle anwenden. :: Du erfährst im Werk-Unterricht, wie vorzugehen ist, um eine einfache Schale aus Kupfer-Blech zu treiben. Oder du erfährst im Technik-Unterricht, wie eine Wechsel-Schaltung im Prinzip wirkt, wie sie verdrahtet wird und wo man sie einsetzt.





In den folgenden Abschnitten stehen einige Anregungen für deine verbesserte Organisation des gezielten Lernens. Hier liegt meine Betonung bei der Gestaltung deiner Hausaufgaben-Zeit.

1 Ruhe. Innere Unruhe stört deine Konzentration, Ablenkungen behindern dich beim guten Lernen. Einige Hinweise dazu, wie du Störendes ausschalten kannst.
* Termine (frühzeitig) absagen, deine Hausaufgaben-Zeit gehört ungeteilt dir.
* Störer (die dich vom konzentrierten Lernen abhalten) wegschicken.
* Anklopfende Fonate (während deiner Lern-Zeit) nicht annehmen.
* Vermeide es, herum zu zappeln. Nicht nur dein Gehirn stellt sich auf die Zeit der Hausaufgaben gezielt ein, auch dein Körper soll ruhig und gelassen bei der Arbeit sein.
* Musik + Lernen, geht das gut? Unterschiedliche Erfahrungen weichen bei dieser Frage weit von einander ab. Mache Selbst-Versuche. Notiere deine Erfahrungen. Wähle deine akustische Umwelt.
* TV + Lernen? Einen Fernseher beim Lernen laufen lassen – das geht nicht gut. Weil die ankommenden Signale (Bilder, Farben, Bewegung, Töne, Geräusche, Stimmen) zu deiner Lern-Arbeit nicht passen. Sie aktivieren ganz andere Gehirn-Zellen, bringen darum Unruhe in deinen Kopf.
* Auf keinen Fall solltest du (insgeheim) erhoffen zwischendurch mal abgelenkt zu werden, so zum Beispiel durch eingehende SMS. Nimm keine SMS zum Lesen an, gestatte dir bei deiner Lern-Zeit keine SMS-Kommunikation.
* Also, Ablenkung abwehren, nichts zulassen, was dein konzentriertes Lernen stören könnte.


2 Ordnung und Hygiene im Kopf. Ebenso wichtig für dein Erfolg-reiches Lernen ist, (während der Lern-Zeit) das Gehirn frei halten von ablenkenden Gedanken, von Phantasien und von 'schönen Träumen'.
* Unser Denken ist offen für Vieles. Das ist gut so. Das unterstützt die Kreativität. Störend kann es allerdings sein, wenn alle Gedanken wirr durcheinander purzeln und unangemeldet herein platzen. Dagegen kannst du dir ein Schema ausdenken, worin du deine Ideen, Vorstellungen, Pläne etwas geordnet (und leicht wieder auffindbar) ablegen kannst. Notiere sie entweder auf Papier oder in einem Notate-File am Computer.
* Im Kopf Hygiene halten, ist nicht ganz einfach. Unter Hygiene verstehe ich auch, daß du nicht abgehetzt, Atem-los, verärgert über einen Streit, die Gedanken bei einem Spiel, mit vollem Bauch kurz nach dem Mittag-Tisch dich zur Hausaufgabe setzt, und dich dann wunderst, daß dir die Aufgabe nicht gelingen will.
* Wenn zu viele Vorhaben unerledigt in deinem Kopf umher schwirren, versuche auch hier Ordnung zu schaffen. Ein Notiz-Blatt auf dem Tisch (zum Beispiel) nimmt deine schwirrenden Gedanken auf und erinnert dich später wieder daran.
* Ordnung im Kopf herstellen, 'aufräumen', das Nötige hat Vorrang, anderes wird auf eine freie Zeit verschoben. Ich nenne es die 'Ästhetik des Mühe-los lernenden Gehirns, worüber du Freude empfindest.


3 Seinen Lern-Erfolg überprüfen. 'Controlling' heißt ein englisches 'Zauberwort'. In den meisten Unternehmen wird im Laufe einer Produktion der Prozeß mehrmals überprüft, ob die Produkt-Qualität der Erwartung entspricht, ob das Produkt die vorgesehenen Werte einhält, oder ob Ausschuß produziert wird.
* Auch dein Lernen ist ein Produktion-Prozeß: Du generierst Wissen, erwirbst dir Fertigkeiten. Deine Kontroll-Fragen werden lauten: Ist mein Lern-Produkt (weitgehend) Fehler-frei, entspricht es der daran geknüpften Erwartung? Checke dein Ergebnis, schau es dir kritisch durch, verbessere die eine oder andere Stelle.
* Ein bewährtes Mittel ist, das Gelernte von jemand anderen (vorsorglich) abfragen lassen oder einen Text durchlesen lassen, eine mathematische Aufgabe prüfen lassen. Nicht jeder hat allerdings das Glück, einen Lerner-stützenden Menschen in der Nähe zu haben.
* Eine 'ultimative' Überprüfung deines Lern-Erfolges organisiert die Schule mittels mündlicher und schriftlicher, bisweilen praktischer Prüfungen. Sehr häufig gerinnt der Befund zu einer Note. Das mag für manche Zwecke nützlich sein. Über die Organisation und die Qualität deiner Lern-Bemühungen sagt eine Note allerdings wenig aus.


4 Allein lernen oder gemeinschaftlich lernen?
* Manche schwören darauf, daß Lernen zu Zweit oder zu Dritt bessere Lern-Ergebnisse bringe.
* Allein lernen, dafür spricht, des kann jeder für sich, ohne aufwendige Absprachen, am eigenen Ort, zur ihm passenden Zeit, ohne zusätzlichen Zeit-Aufwand organisieren.
* Zu zweit lernen, dafür spricht, daß sich zwei im Ideal-Fall ergänzen, sich mit ihren jeweiligen Stärken unterstützen. Zwei Gehirne im synchron-Takt können ein differenziertes, mehr-gestaltes Lernprodukt erbringen. Ein anregendes Du zu Du beflügelt, schafft stimulierende Ausschüttungen, es ist kurzweilig. Voraussetzung für die positiven Effekte ist, daß kein demoralisierender Wettbewerb entsteht; so daß der schwächere Part sich nicht als Verlierer fühlen muß.
* Zu Zweit lernen erfordert von beiden ein höheres Maß an Disziplin. Beide sorgen dafür, daß aus der Absicht gemeinsam zu lernen kein großes Palaver wird, daß das Treffen nicht zu einem Spiele-Nachmittag verkommt.
* Zwei schwache Lerner, die allenfalls in ihren Schwächen sich treffen, brauchen starke Willen, um sich gemeinsam aus ihren Tiefs heraus zu festigen.
* Aber nicht jeder Lerner hat einen Freund oder einen mit-Lerner in seiner Nähe. Soweit es sich jedoch einrichten läßt, sollte gelegentliches Lernen zu Zweit, zu Dritt für jeden möglich sein.


5 Frage gezielt deinen Lern-Paten (einen Lehrenden, Erziehenden, Helfenden), welche Lern-Strategie er dir empfiehlt, sobald ein neuer Lern-Sachverhalt ein spezielles ggf. neues Lern-Verhalten erforderlich macht.
* Dein zentraler Lern-Pate ist und bleibt der jeweilige Fach-Lehrer (so lange du eine Schule besuchst). Wie du von ihm (im Unterricht) klärende Fach-Hinweise nachfrägst, ebenso selbstverständlich solltest du ihn befragen zu Lern-Techniken, zu Lern-Strategien, zu guten Lern-Hilfen. Er ist der gelernte Fachmann für das Lernen. Er gibt dir (oder deiner Gruppe) die nötigen Hinweise, gibt Tipps, wie du den neuen Lern-Sachverhalt begreifen, einüben, anwenden kannst. Ebenso ist er ein Helfer, wenn es um länger zurück liegende (zwischenzeitig vergessene) Aufgaben oder Themen geht.
* Manche haben einen Lern-Coach, den die Eltern (zusätzlich zur Schule) angestellt haben. Er hilft dir beim Begreifen eines komplizierten Sachverhalts. Er begleitet dich beim Lernen, aber er nimmt dir das selbständige Lernen nicht ab. Das leistest du selbst.




Ich fasse zusammen ...

In diesem Teil habe ich einige Hinweise zu einer strukturierten Lern-Organisation genannt. Deine Lern-Strategien) werden im Laufe deines Lernens mehr und sie werden präziser. Das ist wichtig für den Lern-Fortschritt.

Mit einigen erprobten (und strikt eingehaltenen) organisatorischen Lern-Regeln erleichterst du dir die Lern-Arbeit. Probiere aus, wie gut du mit der einen oder anderen Organisation-Regel zurecht kommst; wende sie an (oder finde eine bessere).

Hier wird keine ausformulierte Lern-Theorie vorgelegt. Die genannten Hinweise (bisweilen verbunden mit Empfehlungen) sind aus der Summe meiner Erfahrung und aus professionellen Erkenntnissen geschöpft.

... aktualisierte Version ...

In 2016 wurden Teile der Kolumne Das Lernen lernen in überarbeiteter Fassung (als erweiterte Folgen) im IN publiziert.


© Helmut M. Selzer     (2005-02), 2016
Ende von Teil 4.1


Lernen Lernen hat viele Seiten, die zu beachten sind ::
/ Lernen lernen, Teil 1. Begreifen, was Lernen bedeutet.
/ Lernen lernen, Teil 2. Mich selbst steuern.
/ Lernen lernen, Teil 3. Mein Lern-Umfeld.
/ Lernen lernen, Teil 4.1 Mein Lernen organisieren.
/ Lernen lernen, Teil 4.2 Meine Einstellung zum Lernen.
/ Lernen lernen, Teil 6. Mein Lern-Werkzeug.
/ Lernen lernen, Teil 7. Lernen auf Befehl.
/ Lernen lernen, Teil 8. Lern-Aufgaben.
/ Lernen lernen, Teil 9. Literatur-Hinweise.
/ Lernen lernen, Teil 10. Grenz-Bereiche.
/ Lernen lernen, Teil 11. Resümee, Lern-Management.