Didaktik-Labor, Helmut M. Selzer
 
 
Das Lernen lernen, Teil 4.2

Meine Einstellung zum Lernen


* Lernen-Können ist die dritte der umfassenden Anlagen, mit der sich homo im Verlauf der Evolution ausgestattet hat.
In einer Bedeutung-Skala (die auf jeden Lebens-fähigen Menschen zutrifft), folgt das Lernen-Können in der Wertigkeit unmittelbar der Fähigkeit Gesellschaften zu bilden (Gruppen, Clans, Familien als Existenz-sichernde Konstrukte).
Es folgen die Fähigkeit der differenzierten sprachlichen Artikulation (Sprache) und die Hand-Fertigkeit. Aber alle umfassenden Anlagen bedürfen zu ihrer Entwicklung (ab dem frühesten Leben) der Fähigkeit des Lernen-Könnens.
Ohne Lernen-Können ist ein selbständiges menschliches Leben nicht denkbar.

Nochmal zum Einprägen :: Die fünf umfassendsten Anlagen des Menschen sind
- der aufrechte Gang,
- sich in Gruppen organisieren, die Fähigkeit zum zusammen-Wirken,
- das Lernen-Können, also das Leben-begleitende Lernen,
- die Fähigkeit der Kommunikation mittels einer reich differenzierten Sprache,
- die Handfertigkeit, also seine Fähigkeit mittels der Hände Vieles zu bewirken, was anderen Tieren unmöglich ist.

* Weil die Fähigkeit zu lernen eine so grundlegend-umfassende Anlage ist, eignet sich das Lernen-Können (beinahe unbegrenzt) für jedwede materielle wie immaterielle Kompetenz-Mehrung des Menschen. So verstanden wirkt Lernen als Aneignung-Strategie.
Gemeint ist die Fähigkeit zur Beschaffung von
- Wissen aller Art,
- Fertigkeiten (vom alltäglich Nützlichen bis zum Speziellen),
- Einstellungen (des persönlichen Werte-Systems),
- und den ungezählten Merkmalen, die dein Ich auszeichnen.
Du wirst zu einem ICH, weil du lernen kannst.

* Mittels Lernen eignet sich der Mensch Gutes wie Schlechtes an, Nötiges wie Unnützes, Hilfreiches und Schädliches, Humanes wie Inhumanes. Verbrecherisches Tun kann ebenso gelernt werden wie Gemeinwohl-dienliches Handeln.
So ist zu bedenken: Der Vorgang des Lernens schafft nicht in jedem Falle etwas Positives. Gelerntes wird erst dann zu einem guten Besitz, zu einer wertvollen Eigenschaft deines Charakters, wenn das Gelernte Zwecken dient, die du (vor dir und vor anderen) verantworten kannst.

* Entscheidend dafür, wie du mit dieser Anlage in deinem Leben zurecht kommen wirst, entscheidend ist deine Grund-Einstellung zum 'Phänomen' Lernen. Ich unterscheide drei Verhalten.

- Erscheint dir Lernen als Zwang, als Muß? Betreibst du das, was du als Lernen verstehst (und was in Schulen von dir gefordert wird) mit Widerwillen?
- Erkennst du das Lernen-Können als eine Chance, als ein Glück? (Kinder und Heranwachsende in manchen Regionen der Welt haben solche Chancen nur eingeschränkt; weil sie in Bildung-armen Regionen leben.)
- Willst du deine Fähigkeit zu lernen verbessern? Arbeitest du an dir und strengst dich an, diese deine Kompetenzen zu erweitern, so daß dir dein Lernen-Können zur Bereicherung, zum Gewinn gereicht? So daß du ein Erfolg-reicher Lerner wirst.

Befrage deine Selbst-Erkenntnis darüber.



Im Folgenden will ich mit dir über einige wirksame Einstellungen und Verhaltensweisen nachdenken, von denen die Erfolge deines gezielten Lernens abhängen.

1 Deine Wachheit,
- also dein aufmerksam und aufgeweckt sein, ist das Gegenteil von müde, dösig, schläfrig sein. Sicher kennst du das Gefühl 'ich will jetzt gar nicht wach und aktiv sein; das Dösen, das halb-wach-Sein ist doch so angenehm'.
- Nicht immer brauchst du hell-wach zu sein. Aber achte genau daruf, ob du es dir in einer aktuellen Situation leisten kannst, nicht wach zu sein.
- Bisweilen gönnst du dir (deinem Gehirn) eine Entspannung. Allerdings beobachte dich, wie oft du in einer (Unterricht-)Stunde in dösigen Dämmer-Zustand abgleitest?
- Denkfaul-sein, Ziel-gerichtetes Denken vermeiden, sich nicht angestrengt an etwas erinnern wollen, eine kniffelige Aufgabe nicht bearbeiten wollen, alles das steht im Gegensatz zu wach und aufgeweckt sein.
- Ziel-gerichtete Dauer-Aufmerksamkeit strengt dann weniger an, wenn du dein Verhalten, deinen Körper, dein Bewußtsein bewußt (= willentlich) kontrollierst.
- Zwei Alternativen :: Du kannst deine Aufmerksamkeit selbst steuern. Oder du läßt sie von außen leiten (und machst dich so von den Reizen der Umgebung besonders abhängig).
- Wach und aufmerksam sein sind Voraussetzungen für schlau sein.


2 Deine Konzentration
* ist die Fähigkeit (und deine Bereitschaft) mit ungeteilter Aufmerksamkeit eine Aufgabe wahrzunehmen (Beobachten), sie in die Details zu zerlegen (Denken), mit Akribie (= Sorgfalt) daran zu wirken (Handeln).
- Konzentriert sein bedeutet, mit dem Körper, den Sinnen und dem Gehirn gleich-gerichtet zu arbeiten, es bedeutet 'voll bei einer Sache' sein.
* Konzentration verlangt von dir deine Aufmerksamkeit zu bündeln, sie auf ein Geschehen / einen Sachverhalt zu richten und sie (möglichst lange) auf hohem Niveau zu erhalten, deine Aufmerksamkeit stabil zu halten.
- Das benötigt sowohl abwehrendes Verhalten :: keine (von außen kommende) Störung zulassen, Ablenkung verhindern, gedankliches Abschweifen rasch wieder einfangen und beenden,
- wie auch pro-aktives Verhalten :: willentlich, mit Interesse, mit Engagement, mit Bestimmtheit auf eine Problem-Lösung hinwirken.


3 Interesse haben besagt,
* du nimmst Anteil an einem Objekt (das heißt einer Thematik, einer Sache, einem Prozeß, einer Person). Du befaßt dich voll Neugier damit.
- Als Lerner läßt du dich von dem Objekt ansprechen, einnehmen; deine Konzentration ist darauf gerichtet.
* Dein Interesse kann kurz (= spontan) sein, nur auf eine aktuelle Situation eingeschränkt, dann ist es ein sog. situatives Interesse.
* Ist dein Interesse von grundsätzlicher Art, also bezieht es sich auf ein Objekt, auf das du dich öfter einläßt, mit dem du dich über eine längere Zeit engagiert befaßt, so nenne ich dies dein stabiles Interesse an einer Sache.
- Im Zusammenhang (mit Interesse) wird auch von Motivation gesprochen. Ich gebrauche den Begriff nicht. Mir erscheint er zu verschlissen; er wurde pädagogisch verbraucht, er ist Aussage-schwach (Inhalte-arm) geworden.
* Ein Erfolg-reiches aktives Lernen ist ohne Interesse an dem zu lernenden Objekt schwer vorstellbar. Sofern ein Objekt gelernt werden muß, kommst du nicht umhin, an dem Objekt irgend einen attraktiven Ansatzpunkt zu suchen und einen zu finden; denn nur mit Interesse an einem Thema lernt es sich leicht.


4 Engagement zeigen
- bedeutet sich anstrengen, besonders aktiv sein, mit erhöhtem Einsatz seiner psychischen Kräfte das Gelingen eines Projektes, die Lösung einer Aufgabe vorantreiben (eventuell 'erzwingen' wollen).
* Ein erhoffter Lern-Erfolg hängt oft davon ab, ob der Lerner die notwendige Anstrengung unternommen hat, um einen Lern-Prozeß durchzuhalten. So sind Ausdauer und Durchhalte-Vermögen Indizien für ein Erfolg-reiches Lern-Engagement.
- Ein weiteres Indiz ist Freude am Einsatz. Sich neuen Herausforderungen stellen, kann positive Empfindungen auslösen.
- Engagement und Anstrengung sind oft mit Glücks-Gefühlen verbunden. Denn Engagement, erbracht für eine besondere Leistung, findet im allgemeinen Anerkennung, welche deinem Ich schmeichelt.


5 Grenzen überschreiten
im Sinne von Grenzen-los denken, einengende Grenzen hinterfragen, schadhafte Denk-Grenzen abbauen. (Siehe auch Teil 10.)
Ich nenne hier fünf Aspekte, wie Denk-Grenzen zu überwinden möglich ist.
* Formale Ziele des (schulischen) Lernens anders justieren. Etwas auswendig-Gelerntes hersagen können (ohne Rücksicht darauf, ob du es verstanden hast), manche Themen werden mit veralteten Informationen belastet (ein Kontra zum Bildung-deformierenden Lernen), verstehendes Lernen (im Gegensatz zum schlichten Memorieren) braucht Vorrang, mit ökonomisch vertretbarem Lerner-Einsatz eine zureichende Leistung bringen können.
* Mehr auf 'stabilere' Erkenntnisse setzen, denn auf ideologische Spekulation. Schulisches Lernen bezieht sich in manchen Fächern auf 'Glauben-Ballast'.
* Kreatives Denken ist in der Lage traditionelle Grenzen des Eingefahrenen, des ungeprüften 'Weiter-So' zu stören. Gerade im schulischen Lernen werden verhärtete Rituale und überholte Thematiken bisweilen zum unverzichtbaren Bildung-Bestand gezählt. Lehrende wie Lerner können Neues entwickeln, können kreative Lockerheit gegen eine das Denken hemmende Sterilität setzen.
* Das Konzept Lernen durch Lehren ist ein intelligenter pädagogischer Ansatz. Ein Lerner kann zugleich ein Lehrender sein. Lerner wird dabei auch solche Aspekte heraus arbeiten, die seinen eigenen Lern-Fortschritt behindert haben; so kann er Lern-Probleme beseitigen helfen. LdL kann etablierte Hierarchie im Schulen-System hinterfragen.
* Grenzen von Kulturen markieren auch Grenzen von Lern-Mentalitäten. In der deutschen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts werden ethnische Grenzen verschoben. Schulisches Lernen wird sich wandeln. Andere (bisher fremde) Lern-Strategien werden hinzu kommen


6 Ein strahlender Lern-Gewinner sein,
daß du im 'Lern-Wettkampf' vorne dran stehst, das wünschen dir sicher Eltern / Erziehende und vielleicht auch ein paar Freunde.
* Bedenke aber, überzogener (schulischer) Ehrgeiz, kann auch einsam machen. Wer immer glänzen will, auf die ersten Plätze Anspruch erhebt, macht sich oft zum Außenseiter. Sofern du ein Erfolg-reicher Lerner bist, solltest du diese deine Fähigkeit bedachtsam nutzen.
* Ein Erfolg-reicher Lerner (= Schüler) ist zum Mentor besonders befähigt, und (so meine ich) er ist herausgefordert, anderen (im Lern-Wettkampf) beizustehen. Wer es unterläßt Hilfestellung für schwächere, gehandikapte Lerner zu geben, mißachtet ein wichtiges soziales Prinzip, vergißt die Solidarität.
- Dabei ist es für jeden Erfolg-reichen Lerner (gerade auch für ihn selber) ein Gewinn, wenn er seine Lern-Kompetenz mit anderen teilt. homo hat sehr früh begriffen, daß gezieltes Lernen eine gemeinschaftliche Aufgabe ist, daß begabte Lerner anderen beim Begreifen, beim Erkennen, beim Suchen und beim Finden helfen.




7 Kompetent werden

Den Aspekt betone ich besonders, weil er über die oben genannten Verhaltens-Eigenschaften hinausragt. Unter Kompetenz ist zu verstehen eine 'allgemeine Dispositionen von Menschen zur Bewältigung bestimmter lebensweltlicher Anforderungen' (aus https://de.wikipedia.org/wiki/...Kompetenz_und_Qualifikation, 2016-06).

Mit Kompetenzen entwickeln, beschreibe ich Vorgänge, die hilfreich sind, sein eigenes, Leben-begleitendes Lernen so anzulegen, daß aus erlebten Situationen nachhaltige Nutzen und persönlicher Erkenntnis-Gewinn erzielt werden können. Das Lernziel 'Kompetenz-Erwerb' ist darauf gerichtet, Denk-Strategien im Sinne von Lern-Strategien auszubilden. Solche sind ::
* Problem-Lösungen suchen (und geeignete finden) mittels eigener oder fremd-entwickelter Algorithmen,
* eine Aufgabe, ein Problem mit eigener Verstandes-Kraft zu lösen einüben,
* eine umfängliche Aufgabe in Teil-Aufgaben aufspalten und diese in einzelnen Schritten abarbeiten,
* einen komplexen (zunächst unentwirrbar scheinenden) Sachverhalt in getrennte Stränge aufzwirnen,
* diverse parallel-Aktivitäten des Gehirns entweder bewußt unterstützen, oder sie bewußt auszuschalten versuchen, je nach deiner Lern-Absicht.

o Ein Beipiel. Du sitzt an einer Rechen-Aufgabe; plötzlich schießt dir ein Gedanke zu einer ganz anderen (aber auch wichtigen) Sache in dein Denken hinein. Auf dem neben dir liegenden Notizen-Blatt vermerkst du dazu drei Stichworte. Die Sache ist notiert, wird also nicht vergessen werden. Du kehrst (nun gedanklich entlastet) wieder zurück zur Aufgabe.
o Zweites Beispiel. Du spürst plötzlich einen Appetit auf Herzhaftes. Der einschießende Gedanke läßt dich an den Kühlschrank denken. Sage dir 'jetzt nicht!' und kehre (mit dem Denken) zu deiner Rechenaufgabe zurück. Oder erkenne: Jetzt bin ich seit 1 1/2 Stunden am Schreibtisch; nun ist eine kleine Pause fällig.

Ich gebrauche den Begriff 'Kompetenz' in zweifacher Bedeutung ::
*1 Eine tragfähige Lern-Kompetenz erwerben, um zum guten (schulischen) Lerner zu werden. Denn, ein souveräner Lerner hat Erfahrung darin, mit welchen Strategien er sich (innerhalb einer zulässigen Zeit-Spanne) fürs gezielte Lernen fitt halten kann.
*2 Vielfältige Lern-Kompetenzen auf diversen Lebens-Feldern erworben haben, und so seine (Leben-bedeutsamen) allround-Qualitäten ausgeweitet haben. Denn Lernen findet immer und überall satt.

Jeder Lerner wird ein (für ihn) charakteristisches Kompetenz-Profil ausbilden. Kompetenz-Profile können unterschiedliche Ausprägungen aufweisen ::
- Sie können einige steile Spitzen zeigen; in diesen Bereichen ist die Lern-Kompetenz besonders hoch.
- Sie können Tal-Punkte zeigen; dort ist die Lern-Kompetenz gering.
Ist das Profil-Bild insgesamt ausgeglichen (mit wenigen Spitzen und wenigen Tälern), oder ist es bizarr ? Eine reizvolle Aufgabe wird sein :: Erkenne dein Lern-Profil, (zeichne es auf) und verbessere es, damit du damit einverstanden sein kannst. Befrage dazu deinen Lern-Helfer.

- Üben ist, Schritt für Schritt den Weg zur erwünschten Leistung gehen.
- Du hast ein Motiv für dein Lernen :: Du willst (zum Beispiel) ein Wissen-Gefälle oder ein Fertigkeiten-Gefälle zwischen dir und NN verringern, du willst mit NN gleich ziehen.
- Du willst dein Lern-Profil (etwas) anders ausrichten. Du möchtest deine Lern-Kompetenz (in Details) schärfen.





Ich fasse zusammen ...

In diesem Teil hast du darüber gelesen und nachgedacht, welche (persönlichen) Einstellungen auf dein Lernen-Können schädlichen Einfluß haben können.
Wenn einige deiner derzeitigen Einstellungen nicht zu einem Erfolg-reichen Lerner passen, versuche die störenden Einstellungen zu ändern. Lern-Pate möge dich dabei mit seinem Rat unterstützen.


© Helmut M. Selzer     (2005-04), 2016
Ende von Teil 4.2


Lernen lernen hat viele Seiten, die zu beachten sind ::
/ Lernen lernen, Teil 1. Begreifen, was Lernen bedeutet.
/ Lernen lernen, Teil 2. Mich selbst steuern.
/ Lernen lernen, Teil 3. Mein Lern-Umfeld.
/ Lernen lernen, Teil 4.1 Mein Lernen organisieren.
/ Lernen lernen, Teil 4.2 Meine Einstellung zum Lernen.
/ Lernen lernen, Teil 6. Mein Lern-Werkzeug.
/ Lernen lernen, Teil 7. Lernen auf Befehl.
/ Lernen lernen, Teil 8. Lern-Aufgaben.
/ Lernen lernen, Teil 9. Literatur-Hinweise.
/ Lernen lernen, Teil 10. Grenz-Bereiche.
/ Lernen lernen, Teil 11. Resümee, Lern-Management.